Gletschermarathon Pitztal/Österreich 2014

Downhill – Marathon – 42,195 Kilometer? Bekloppt… Naja, nicht ganz – ich laufe gern bergab und mag das auch. So träumte ich letztes Jahr dann davon, einmal einen Downhill-Marathon zu laufen. Irgendwo auf den Seiten von Mika-Timing stolperte ich dann über den Gletschermarathon im Pitztal in Österreich “From the glacier to the city” – also von ganz oben nah dem Pitztaler Gletscher auf knapp über 1700 Höhenmeter runter nach Imst auf gerade mal noch 790 hm. Dazwischen einige kleine “Bodenwellen”, die einem echten Sauerländer ja nichts ausmachen… Höhendiagramm Pitztal
Aus der Schnapsidee wurde Anfang 2014 ein Plan: Wir beschlossen, unseren Jahresurlaub diesmal in Österreich zu verbringen. Eine preiswerte (und wie sich herausstellte superschön gelegene) Unterkunft wurde gebucht und Ende Juni begann die Reise. Über den Fernpaß gelangt man fix nach Imst und von dort geht es dann hoch in das Pitztal. Schon bei der Fahrt hoch Richtung Ferienwohnung in Neurur staunte ich nicht schlecht – sooo knackig hatte ich mir das Gefälle teilweise nicht vorgestellt. Und plötzlich fuhren wir bergab. Bergab? Moment… ich habe einen Downhill-Marathon gebucht? Alles, was wir jetzt runter fahren, muß ich in einer Woche ja hochlaufen? Uiuiuiui…
Angekommen in der Ferienwohnung, Sachen ausgepackt, eingelebt und dann mal direkt den Liegestuhl probegelegen: URLAUB!
Zwei Tage später bin ich die ersten 9 km vom Start bis nach Neurur mal abgelaufen. Was ich vorher so rein gar nicht bedacht hatte: In 1500 – 1700 m Höhe ist die Luft schon deutlich dünner wie in unserem beschaulichen Sauerland. Obwohl es locker bergab ging, schnaufte ich wie eine Dampfmaschine. Na, das kann ja heiter werden.
Wir nutzten die Tage aber auch zum Wandern bzw. Kraxeln, so daß ich mich ein wenig an die Höhenluft gewöhnen konnte.Irgendwo zwischen Neurur und Arzler Alm auf einem Höhenweg

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Donnerstag vor dem Marathon lief ich die nächsten 9 km von Neurur runter, was schon etwas besser ging. Und doch beschlichen mich so langsam einige Zweifel, ob das denn eine so gute Idee war, hier einen Marathon laufen zu wollen. Wir waren mittlerweile nochmal die Straße abgefahren, da wir in Imst einkaufen mußten und ich hatte die “Bodenwellen” erneut zur Kenntnis genommen. An sich nichts wildes, aber nach 25,5 km bergab wieder hochlaufen zu müssen? Ändern konnte ich daran nun aber auch nichts mehr, also fuhr ich am Samstag erneut nach Imst, diesmal, um meine Startunterlagen abzuholen. Und da waren sie wieder, die Bodenwellen. Ganz ekelig auch die letzten 2,5 km: Man erreicht Imst, läuft ein Stück bergab – und dann nur noch hoch, höher, noch höher zum Sportgelände. Bääähhh!Alles bereit
Abends ging es ins “Hotel Vier Jahreszeiten”, direkt am Start gelegen. Hier gab es Pizza, genau das richtige vor einem Marathon!PIZZA!!!
Im Hotel befindet sich übrigens auch ein kleiner, aber sehr feiner Trail-Running-Shop – http://www.trailshop.at/ – Sibylle Feichtinger und Thomas Bosnjak, kurz “Bjak”. Thomas ist aktuell der beste österreichische Trailläufer und hat entsprechend auch nur Sachen in seinem Shop, die funktionieren.
Am Sonntag selber ging dann um 7 Uhr der Wecker, Start war um 8:30 Uhr. Da wir recht fix von der Wohnung am Start sein werden, gönnte ich mir einige Minuten länger im Bett. Zum Frühstück wie immer 2 Brötchen mit Schoki-Creme und einen Kaffee, außerdem nahm ich eine Banane mit, die ich kurz vor dem Start essen wollte. Der Himmel: Strahlendblau! Die Temperatur: Noch gesäßkalt, speziell am Start (knapp unter 10° C) – aber das sollte sich noch ändern im Laufe des Rennens.Das Wetter am Marathon-Tag
Vor dem Start noch ein Gel eingeworfen, dann ein Foto sowie der obligatorische Kuß vom Spatzi und schon ging es pünktlich um 8:30 Uhr los. Zunächst von Mandarfen 1,5 km hoch nach Mittelberg zum höchsten Punkt der Strecke und ab dort 24 km “Schuß” runter bis zur ersten Bodenwelle. Schnell zog sich das Feld von fast 200 Startern auseinander, ich befand mich in guter Gesellschaft mit lockerem Tempo hoch. Beim Passieren von Mandarfen standen Sibylle und Thomas am Rand, ein letzter Gruß – und mal ein bisserl das Tempo erhöhen, es geht ja runter!
Am ersten Verpflegungsstand genehmigte ich mir einen Becher Wasser. Der zweite VP war direkt in Neurur, hier sah ich mein Spatzi und die Schwiegereltern. Krissy fuhr die Strecke ab, machte unterwegs Fotos und feuerte mich an – leider mußte sie vor Wenns eine Umleitung nehmen, da ab hier die Straße gesperrt war und fuhr so direkt ins Ziel. Kurz vorher hatte ich erneut ein Gel eingenommen und über die Verschlüsse der Sponser-Gels geflucht: Irgendwie schaffe ich es immer wieder, mir die Lippe in diesem blöden Ding einzuklemmen *motz*.
Irgendwo hier enteilte mir auch der Pacemaker. Am Start angekündigt war, daß er mit 3:24:59 ins Ziel wollte. Das wäre für eine gute Orientierung gewesen – ich war längst von der Idee weg, hier eine neue PB zu laufen. Zu dünn die Luft, zu gering meine Erfahrung mit 25 und mehr Kilometern bergab. Nun lief ich aber zu diesem Zeitpunkt eine Durchschnittspace von deutlich unter 4:30 – das würde am Ende für sub3:10 reichen. Wo will denn der Pacemaker hin? Naja, egal, ich laufe mein Rennen. Irgendwo hinter Neurur hatte ich einen Läufer im weißen Shirt überholt, der sich dann aber an meine Fersen geheftet hatte. Ich hörte seine Schritte und seinen Atem Kilometer für Kilometer, bis es nach einem etwas steileren Stück ruhig wurde.Da isser - weißes T-Shirt im SchlepptauImmer noch recht frisch und munter - das weiße Shirt fällt zurück
Ich passierte die Halbmarathon-Marke nach ungefähr 1:36, das war voll im Plan. Hier genehmigte ich mir auch das nächste Gel (diesmal ohne Lippen-Klemme). Es wurde wärmer und wärmer – der Himmel war immer noch strahlendblau und die Sonne gab sich alle Mühe, unsere Muskeln aufzuwärmen.
Dann bei Kilometer 25,5 die erste Steigung: 30 Höhenmeter auf 700 m Strecke. Hört sich nicht viel an – hatte es aber schonmal in sich. Hier überholte mich auch das “weiße T-Shirt”. Oben der nächste VP = zwei Becher Wasser. Nun wieder runter – 100 Höhenmeter auf knapp 2 Kilometern. Und plötzlich meldet sich zum ersten Mal in meinem Läuferleben mein Magen: Das Wasser wollte raus. Nix da, das brauche ich noch, einfach locker weiterlaufen. Am nächsten VP wäre eigentlich das nächste Gel drangewesen – schon der Gedanke daran brachte mich zum würgen. Was ist denn los? Dann fiel mir ein, daß ich (ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Marathon- und HM-Starts) zwischen Frühstück und Start lediglich knapp eine Stunde Zeit hatte vergehen lassen. Böser Fehler. Ok, also die letzten 12-13 Kilometer ohne Gel, vielleicht bleibt ja ein Isogetränk drin. Ja, Iso und Cola ging. Banane hab ich nicht versucht.
Kilometer 30 passierte ich kurz vor Wenns und dachte “Wenns hier mal nicht wieder hochgeht!” – Bingo! 45 Höhenmeter auf 1,2 km Wegstrecke. Ich mußte gehen, an laufen war irgendwie nicht mehr zu denken. Wenigstens habe ich einen recht flotten Schritt auch bergauf, so daß mich nicht viele Läufer überholten. Trotzdem war dies mein langsamster Kilometer bei diesem Marathon: 7:56 Minuten. In Wenns angekommen Bombenstimmung, da hier auch vorher der Halbmarathon gestartet wurde. Am VP nahm ich zwei Becher Wasser – und saß fast auf dem Po. Mir wurde ein bisserl schwummerig, mein Kreislauf war nicht mehr der alte. Hinsetzen und aufhören? Kurz dachte ich an Frank und Daniela: “DNF is an option”. Nein, nicht für mich. Nicht hier und nicht heute. Es geht jetzt erstmal wieder fast 9 km fast ausschließlich bergab – lauf einfach! Zum Glück erholte sich mein Kreislauf auch tatsächlich wieder. Ich überholte einige Läufer, die noch mehr litten wie ich. Wo genau ich übrigens das “weiße T-Shirt” wieder überholt habe, weiß ich nicht mehr – im Ziel war der Läufer gute 5 Minuten hinter mir ;).
Hinter Wenns gab es noch zwei VPs, an welchen auch die Wasseraufnahme wieder funktionierte. Nach dem letzten VP bei km 39,4 begann meine Wanderung Richtung Ziel. Einige Läufer überholten mich – manch einer mit solch lockeren Schritt, daß ich in der Tat mal neidisch wurde. Aber nicht jeder hielt das Tempo, einige fielen vor mir auch in den Schritt. Dann kam endlich das Zielgelände in Sicht, letzte Kräfte mobilisieren, Shirt und Startnummer gerade rücken und wenigstens der Versuch eines Lächelns: Geschafft – 3:35:47!Zieleinlauf
In der Endauswertung bedeutete dies Platz 55 overall und Platz 15 in der Altersklasse M45. Gestartet waren offiziell 194 LäuferInnen, das Ziel erreicht haben 188 (ich gehe aber davon aus, daß diese Zahlen nicht ganz stimmen, die Sanis hatten im Ziel gut zu tun und die ersten Läufer haben bereits nach 10 km aufgegeben); hier unten waren es dann auch über 30° C!
Im Zielbereich gab es eine üppige Verpflegung. Leider durften die Angehörigen nicht in den unmittelbaren Zielbereich, aber ich sah Krissy schon strahlend dort stehen. Ich genehmigte mir etliche Becher Wasser und Cola, dann noch 2 halbe Liter Erdinger Alkoholfrei. Anschließend noch fix das (kostenlose! hier sollten sich einige Veranstalter mal ein Beispiel nehmen) Zielfoto geschnappt und raus. Krissy hatte mir meine Sachen zum duschen und umziehen mitgebracht. Ui, das duschen tat gut :).
Fazit des Marathons: Erstklassig organisiert – viele nette Helfer – eine tolle und landschaftlich reizvolle Strecke. Schwieriger zu laufen, wie es sich vielleicht anhört. Was sind schon 42 km bergrunter ;). Meine Träume habe ich nicht erreicht – das Ziel aber schon. Vielleicht laufe ich den Marathon nochmal.

Nach der Rückfahrt vom Zielgelände zur Wohnung erholte ich mich im Liegestuhl. Leider war dies dann auch der schönste und sonnenreichste Tag, wir hatten ja noch eine Woche Resturlaub vor uns. Mittwoch haben wir einen kleinen Schnupperkurs im Trailrunning beim Bjak mitgemacht, sehr interessant, auch wenn meine Beine noch nicht wieder richtig frisch waren. Vom Thomas hatte ich dann noch eine Strecke gesehen, die ich mir als Abschluß meines Urlaubes vorgenommen habe. Freitag ging es alleine los (Krissy war mit ihrer Mutter zu einer Bergwanderung aufgebrochen, Schwiegervater bespaßte den Hund): Von Mandarfen (1636 hm) den Steig zum Rifflsee (2240 hm) – 600 Höhenmeter rauf auf 2,8 Kilometer Strecke :). Aufgrund des Wetters vielleicht nicht gerade das, was man 6 Tage nach einem Marathon machen sollte, aber egal. Ich benötigte knapp eine Stunde, bis ich oben war – mein tags zuvor beim Bjak frisch erworbenes X-Bionic-Shirt leistete hervorragende Dienste.Und zum Abschluß nochmal am Rifflsee Oben eine kurze PP und dann ging es den Fahrweg wieder runter, vorbei an der Taschach-Alm bis zum Auto in Mandarfen. 4,5 km Strecke, 600 hm runter in knapp 20 Minuten. Die Bergwanderer schauten irgendwie merkwürdig, als ich an ihnen vorbei Richtung Tal sauste!

Ja und dann war der Urlaub schon wieder rum. Schön war’s – wir kommen wieder. Es gibt dort im Pitztal noch soviele schöne Trails, die belaufen werden wollen.

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